Bei Sankt Goarshausen am Rhein erhebt sich der Loreleyfelsen, von dem die Sagen folgendes berichten.
Vor langer Zeit arbeiteten die Rheinfischer hart um ihr tägliches Brot und rangen dem Fluss nur schwer den Fang ab, den sie brauchten, um ihr Leben zu fristen.
Damals war der Strom weit weniger gebändigt und begradigt als in heutigen Zeiten, und es gab viele gefährliche Stellen mit Strudeln und Untiefen. Besonders am Fuße des Loreleyfelsens war der Fluss nicht sicher zu befahren, der schroffen Klippen und tückischen Strömungen wegen. Die gerade an diesen Stellen besonders reichen Fanggründe lockten immer wieder wagemutige oder wohl auch verzweifelte Fischer an, die trotz der Gefahren ihr Glück versuchen wollten und des Nachts bei Vollmond ihre Netze auswarfen. Das bekam ihnen nicht gut, und oft wurden die Trümmer der Kähne und die zerschmetterten Körper der Leichtsinnigen stromabwärts ans Ufer gezogen.
Wundersamerweise hatten aber manche Fischer Glück an diesen Stellen, so als stände ihnen die Vorsehung bei und führe die Kutter sicher durch alle Gefahren. Diese Begünstigten erwarben mit der Zeit einen gewissen Wohlstand, der sie über ihre Standesgenossen erhob. Über diese sonderbaren Dinge gingen Geschichten um - in den Spinnstuben und in den Wirtshäusern hörte man von der "Loreley" reden, einer wunderschönen Jungfrau, die des Nachts auf dem Felsen sitze, ihr langes goldenes Haar kämme und dabei sänge. So süß, so überirdisch schön sei ihr Lied, dass die unglücklichen Fischer, die es anhörten, zum Fuß des Felsens steuerten und vom Anblick der Schönen betört nicht auf den Kurs achteten und ein Opfer der Strudel wurden.
`Sie hilft denjenigen, denen sie wohlgesonnen ist`, sagten manche der Alten hinter der vorgehaltenen Hand und nickten weise dazu. `Die Flusstochter teilt den Reichtum des Stromes mit denen, die ihr respektvoll begegnen.`
`Eine Hexe ist sie, eine Teufelin, die von ihrem Buhlen geschickt ist, um uns zu verderben`, sagten andere. `Man sollte den Felsen stürmen und ein Ende machen mit der Höllenbrut. Stürzen wir das Satansgespiele vom Felsen hinab.` Die das sagten, waren nicht eben die erfolgreichsten des Berufsstandes und sahen mit wenig freundlichen Blicken zu den besser Gestellten. Die aber hielten sich fern von den anderen und schwiegen zu allem. So blieb es bei wilden Reden und die Dinge erfuhren keine Änderung.
Wenn aber das Feuer unter dem Kessel kräftig geschürt wird, so kocht es über, und die wilden Geschichten drangen an das Ohr des Pfalzgrafen. Dieser sah, dass der Friede in der Region gefährdet war und beauftragte seinen Sohn mit der Klärung der Angelegenheit.